HOMBERGER HINGUCKER

Online-Informationen zur Kommunalpolitik in der Kreisstadt Homberg (Efze), Schwalm-Eder-Kreis, Nord-HESSEN

Von der Lehrerbildungsanstalt zum Gymnasium „August-Vilmar“

Foto: Eines der ersten Abiturzeugnisse der AVS aus dem Jahr 1929, Seite eins von vier

 

Von Thomas Schattner

In diesem Jahr jährt sich zum 100ten Mal der Beginn der Republik von Weimar, die politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich turbulente Zeiten erlebte. Auch im Lokalen waren die Zeiten turbulent. Das galt auch für das Bildungssystem in Homberg/Efze. Aufgrund von veränderten Ausbildungsformen musste das ehemalige Königlich-Preußische Lehrerseminar in der Kreisstadt 1925 seine Tore für immer schließen. Ein Erlass der preußischen Regierung aus dem Jahr 1922 schrieb nun in Preußen vor, dass die Ausbildung zum Volksschullehrer in Zukunft an den Besuch einer pädagogischen Akademie gebunden sei. Dieser Erlass machte nun zukünftig die Lehrerseminare überflüssig. Damit endete so einerseits die lange Tradition der Lehrerausbildung in Homberg nach 90 Jahren, die 1835 begann und in der mehr als 5.000 Lehrer in der Kreisstadt ausgebildet worden waren, andererseits musste nun eine neue Nutzungsfunktion für das 1879 eingeweihte Seminargebäude gefunden werden.

 

Im Frühjahr 1923 einigte sich eine Delegation des preußischen Kulturministeriums mit Vertreten von Stadt und Kreis darauf, das Seminargebäude in Zukunft als „Aufbauschule für Knaben nach der Form der deutschen Oberschule“ zu führen. So sollten begabte Schüler aus dem ländlichen Bereich in Deutsch, Literatur, Geschichte, Länderkunde und Musik vornehmlich gefördert werden. „Weiterhin legte man besonderen Wert darauf, die Schüler dazu zu erziehen, ihre eigenen Erkenntniskräfte zu gebrauchen und alle Überlegungen eigenständig und sorgfältig durchzuführen“.

 

Im März 1923 fanden erste Aufnahmeprüfungen statt. Von den ca. 60 Bewerbern wurden neun genommen. Ein Teilnehmer erinnerte sich später an die Prüfungen: „Wir waren ein arg geschundenes Häuflein, der Rest von rund 60 Jungen und Mädchen, die gerade eine Aufnahmeprüfung hinter sich hatten. Diese Prüfung, vor allem die mündliche, saß noch allen in den Gliedern“. Das lag auch daran, dass die Prüfungskommission versuchte, die Prüflinge aus ihrer „ländlichen Harmlosigkeit“ durch Fragen, wie z. B. „Warum legt eine Ziege keine Eier?, aufzuschrecken. Wie dem auch sei, diejenigen, die bestanden haben, durften nun in alter Tradition des Seminars eine blauseidene Mütze beim Mützenmacher Scharf in der Holzhäuser Straße erstehen.

 

Von Ostern 1923 an wurde im Seminargebäude parallel zu den Präparanden so eine erste achte Klasse eines Aufbaugymnasiums (die Volksschulen umfassten damals eine siebenjährige Ausbildung) vom nahezu identischen Lehrkörper des Seminars unterrichtet, Studiendirektor Walther Koch leitete nun neben dem Seminar auch kommissarisch das Aufbaugymnasium, einem pädagogischen Novum. Das Aufbaugymnasium wurde nach der Form der deutschen Oberschule geführt. Zum Homberger Konzept gehörte es, dass die Schule in jedem weiteren Jahr mit einer neuen achten Klasse aufgefüllt wurde, so dass im Jahr 1929 erstmals sechs Jahrgänge die Schule besuchten und so der Aufbau der Schule als abgeschlossen betrachtet werden konnte, gleichzeitig wurden die ersten Abiturprüfungen im altehrwürdigen Gebäude abgenommen. Jedes Abschlusszeugnis trug den Vermerk: Die August Vilmar-Schule in Homberg ist mit Ostern 1929 gemäß Erlass vom 28. August 1928 − U II 766.1 − als deutsche Oberschule in Aufbauform anerkannt.

Foto: Der erste Abiturjahrgang der AVS 1929 (sitzend v. l.: Heinrich Friedrichs, Annemarie Nieding, Willi Schröder, stehend v. l.: Otto Kehl, Walter Weidner, Alfred Metz, Erich Kaiser. Hans Rudolph, Karl Lambrecht), Fotografie: Archiv Oskar Breiding, Homberg

 

Am 21. Februar 1929 wurde die erste mündliche Reifeprüfung in Homberg abgenommen. Am 6. März erfolgte die feierliche Entlassung der ersten neun Homberger Abiturienten. In seiner Abschiedsrede betonte der damalige Direktor Dr. Klee, „Die Schule ist niemals Selbstzweck, sie hat die heranwachsende Jugend auf das Leben vorzubereiten“. Das war 1929 galt, gilt auch noch heute, zeitloser konnte man es nicht formulieren.

 

Grundlage dieser Studie sind die Jahresberichte der Schule, die ab 1924 durchgängig vorhanden sind. Dazu kommt die ausführliche Berichterstattung des Homberger Kreisblatts. Des Weiteren konnte eine große Anzahl von Personalbögen der ehemaligen Lehrer der August Vilmar-Schule gesichtet werden. Von 47 damals unterrichtenden Lehrern sind diese von 31 in diesem Band dokumentiert. Abgerundet wird die Studie durch zahlreiche Bestände des Schulmuseums der heutigen Bundespräsident-Theodor-Heuss-Schule (BTHS), dem namentlichen Nachfolger der August Vilmar-Schule, die sowohl Fotografien als auch Postkarten und andere zeitgenössische Dokumente umfasst.

 

Schulleiter Dr. Weskamp schrieb in seinem Vorwort zum Buch: „In den Schilderungen Schattners wird deutlich, dass die Nachkriegsgesellschaft nach 1918 auch in Homberg nicht zur Ruhe kam. Die parlamentarische Demokratie und die Weimarer Verfassung trugen kaum zu einer Befriedung unterschiedlicher Positionen bei, auch nicht zu einem rationalen Diskurs. Entgegen der Erwartung kam es zu einer breiten Radikalisierung. Auf der einen Seite keimten Rechtsradikalismus und Antisemitismus auf, auf der anderen Seite die extreme Vision einer sozialistischen Gesellschaft. Es gab zahlreiche Aufstände und politische Morde, zu denen auch der berüchtigte Hitler-Putsch gehörte. In den in der Aula der Schule gehaltenen Reden wurde ein fehlgeleiteter Nationalismus zur gemeinsamen Klammer erhoben, die alles zusammenhalten sollte.

Dabei wird in den von Schattner zitierten Reden auch deutlich, wie eine dogmatische, nationalistische Sprache die Menschen beeinflusste. Gerade in dieser Hinsicht mahnt uns sein Buch, achtsam zu sein und auch in unserer Zeit immer wieder auf Mäßigung und Rationalität zu drängen“.

Foto: Die ehemaligen jüdischen AVS-Schülerinnen Beate Höxter (h. erste von rechts) und Margret Goldschmidt (h. erste von links) mit ihren Eltern am 3. Juni 1934 auf der Homberger Lichte. Beide Schülerinnen verließen unfreiwillig die August Vilmar-Schule, weil sie keine beruflichen Perspektiven für sich in nationalsozialistischen Deutschland sahen. Beate wanderte 1940 in die USA aus, Margret ging 1939 nach England. (Fotografie: Sandra Höxter, Washington D.C., USA)

 

Das 387 Seiten starke und reich bebilderte Buch kann über Amazon zum Preis von 11,30 € erworben werden.

Alle Dokumente befinden sich im Schulmuseum der BTHS Homberg

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