HOMBERGER HINGUCKER

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82 Jahre Pogromnacht im Reich – nach nordhessischem Vorbild

 

Da in diesem Jahr pandemiebedingt die allermeisten Gedenkveranstaltungen in der Region nicht stattfinden können, erinnern wir mit erst kürzlich aufgefundenen Dokumenten an die Schicksale einzelner Homberger Juden.
von Thomas Schattner

 

Heute vor 82 Jahren tobte der Mob im Deutschen Reich. Von München aus, wo sich traditionell die Elite des NS-Regimes im Gedenken an die Opfer des gescheiterten Hitler-Ludendorff-Putsches vom 9. November 1923 versammelte, ließ Propagandaminister Joseph Goebbels die SA (Sturm-Abteilung, eine paramilitärische Organisation der NSDAP) „von der Kette“. Der Hintergrund: Goebbels war absolut begeistert von den Vorkommnissen seit dem 7. und 8. November im Raum Magdeburg und im nördlichen Hessen. Hier tobten nämlich bereits seit zwei Tagen die Reichspogromnächte, für die wohl die Gauleitung in Kassel maßgeblich Verantwortung trug. Goebbels forderte an diesem 9. November reichsweite Aktionen gegen die jüdische Bevölkerung nach dem nordhessischen und Magdeburger Modell. Oder anders formuliert: Die Zeitgenossen in Nordhessen lieferten 1938 die Blaupause für die Pogrome.

Dazu gehört auch die Tatsache, dass kurz nach den jeweiligen Pogromen, in Nordhessen am 12. November, reichsweit nach dem 10. November, alle männlichen Juden unabhängig von ihrem Alter verhaftet wurden und je nach Wohnlage im Reich in eines von drei großen Konzentrationslagern verbracht wurden. So kamen die nordhessischen Juden auf den Ettersberg bei Weimar, ins thüringische Konzentrationslager Buchenwald. Das kranke, menschenverachtende und perverse Denken der Nationalsozialisten offenbarte sich hier besonders aufgrund der Tatsache, dass die Ehefrauen und Freundinnen der verhafteten Männer die Dauer des Aufenthalts maßgeblich mitbestimmten, frappierend. Da es das Ziel der Nationalsozialisten war, die jüdische Bevölkerung zur Auswanderung zu zwingen, kamen diejenigen Männer früh frei, deren Frauen rasch die Ausreisepapiere besorgen konnten. Wenn formale wie andere Schwierigkeiten dabei eintraten, dauerte der Aufenthalt der Verhafteten in den Lagern entsprechend länger.

Da es trotz allem dem NS-Regime nicht gelang, durch Diskriminierung, Entrechtung, Misshandlung, etc. das Deutsche Reich in ihrer Sprache „judenfrei“ zu bekommen, begannen ab dem Dezember 1941 die Deportationen der nordhessischen Juden. Was in den Reichspogromnächten hier in der Region begann, endete in den Konzentrations- und Vernichtungslagern in den nach dem 1. September 1939 im Kontext des Zweiten Weltkriegs besetzten östlichen Gebieten des damaligen Polen und der Sowjetunion.

 

Robert Katz selbst wurde am 9. November 1938 ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Aufgrund der Spätfolgen der dort erlittenen Misshandlungen erfolgte rund ein Jahr später eine Notoperation im Kasseler Rot-Kreuz-Krankenhaus. Diese Operation überlebte Robert nicht, er verstarb am 11. November 1939 in Kassel, wo er auch beigesetzt wurde.

 

 

 

Emil Moses (Jahrgang 1901) wohnte bis zum Jahr 1933 in der Bischofstraße Nummer 5 in Homberg. Zunächst verzog er nach Kassel, später wurde er ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er im Jahr 1942 ermordet wurde.

Die Fotografie zeigt ihn als dritten von links im Jahr 1921 in Frielendorf aus Anlass der Silberhochzeit von Juda und Friederike Moses (beide sitzend).

 

Frieda Katz (Jahrgang 1896), die Ehefrau des damaligen Vorstehers der jüdischen Gemeinde in Homberg, Robert Katz, ehemals wohnhaft in der Holzhäuser Straße Nummer 3, verzog nach Roberts Tod (1884 bis 1939) nach Berlin, von wo sie aus ins Ghetto Riga deportiert und ermordet wurde.

 

 

Meta Kann (Jahrgang 1901) wohnte ehemals in der Langen Straße Nummer 23 in Homberg. Von Kassel aus wurde sie im Dezember 1941 ins Ghetto Riga deportiert, später ins Konzentrationslager Stutthof (bei Danzig) verschleppt. Am 2. Januar 1945 verstarb sie dort offiziell an einer allgemeinen und einer Herzschwäche.

 

Ruth Goldschmidt (Jahrgang 1920), die Tochter des ehemals beliebten Homberger Arztes Heinemann Goldschmidt im Schwenkenweg, floh aus dem Deutschen Reich und betrat am 26. Mai 1938 in New York erstmals den sicheren amerikanischen Boden.

 

 


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