HOMBERGER HINGUCKER

Online-Informationen zur Kommunalpolitik in der Kreisstadt Homberg (Efze), Schwalm-Eder-Kreis, Nord-HESSEN

DGB-Jahresauftakt: Wenn der Lohn nicht mehr zum Leben reicht


Der DGB-Schwalm-Eder lud zum 13. Februar in Homberg zum Jahresauftakt in das Sparkassen- Dienstleitungszentrum  ein. Hauptredner war Stefan Ditl, der über prekäre Arbeitswelten sprach. Ditl ist Bezirksvorsitzender ver.di Oberpfalz. In der Einladung wird er auch als Autor und Publizist vorgestellt.

Foto: Stefan Ditl spricht auf dem Homberger DGB-Jahresauftakt über prekäre Arbeitswelten.

Das Thema hat er in einem kleinen Buch komprimiert. Darin wird das Thema so zusammengefasst.

Leiharbeit, Werkverträge, Minijobs, befristete Arbeitsverhältnisse – fast 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland arbeiten inzwischen in derlei prekären Arbeitsverhältnissen. Für die Betroffenen bedeutet die Prekarität häufig niedrige Löhne, geringe soziale Absicherung und ständige Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes.

Die knapp 100 Besucher erhielten eine geballte Ladung an Informationen über die sich ausbreitende neue Arbeitswelt, die viele der älteren Zuhörer in ihrem Arbeitsleben noch nicht kannten. Statt lebenslanger sicherer kontinuierlicher Berufslaufbahn herrscht zunehmend die Angst, am Rande der Gesellschaft noch weiter abzukippen.
 

Stolz auf den Niedriglohnsektor

Der radikale Umbruch in der Arbeitswelt wurde von der rot-grünen Koalition ab 2003 eingeleitet. Dieser Umbau war Programm –  das Programm Agenda 2010 mit den sogenannten Hartz Gesetzen I bis IV.
Zwei Jahre später verkündete SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos:

„Wir müssen und wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt.“ (28.1.2005)

 

 

Erschreckende Zahlen, erschreckende Verhältnisse

In dem gut strukturierten und mit Zahlen belegten Vortrag ging es zügig voran:

1 Mio. Leiharbeiter, 7,7 Mio. geringfügig Beschäftigte (Minijob), 3,2 Mio. befristete Arbeitsverhältnisse, 8,5 Mio. Teilzeitarbeitende.
Von den 4,4 Mio. Hartz IV-Empfängern sind 1,2 Mio. sogenannte Aufstocker, das sind diejenigen, die für ihre Arbeit nicht soviel verdienen, dass sie davon leben können. Daneben noch die Scheinselbständigen, die unter Werksvertragsbedingungen arbeiten und die Dauerpraktikanten.
Bei diesen Arbeitsverhältnissen ist schon heute sicher, dass sie in der Altersarmut enden werden.

Jeder Zehnte Beschäftigte hat ein befristete Arbeitsverhältnis. 60 Prozent davon sind unter 35 Jahre. Das bedeutet ein Leben in der Warteschleife. An Familienplanung ist da verantwortlich nicht zu denken. Kettenverträge sind zwar nicht erlaubt, doch gerade der öffentliche Dienst praktiziert sie am intensivsten. Dabei geht es nicht etwa um gering qualifiziert Menschen. An den Universitäten lehren 87 Prozent mit befristeten Verträgen.

Die Digitalisierung der Wirtschaft schafft immer mehr moderne Tagelöhner. Da sind die, die am Computer arbeiten um Aufträge erledigen und die sich auf einem internationalen Markt um Aufträge bemühen müssen. Oder die Menschen, die sich Arbeitsaufträge über Internetportale  besorgen, wie Fahrradkuriere, Handwerksleistungen, Fahrdienstleistungen (Uber). Diese Menschen sind nicht abgesichert und tragen alle Kosten selbst. Die Arbeitsmittel müssen sie selbst finanzieren. Es gibt keinen bezahlten Urlaub, es gibt keine Krankheitsabsicherung. All diese Arbeitsverhältnisse wirken sich auch auf die noch bestehenden Normal-Arbeitsverhältnisse aus, auch diese werden unter Druck gesetzt, denn die anderen machen es billiger.

Ein besonderes Kapitel beschäftigte sich mit sogenannten mobilen Beschäftigten. Das sind die Menschen, die aus EU-Staaten im Zuge der Freizügigkeit kommen und als Leiharbeiter oder über Werkverträge arbeiten. Darüber hinaus gibt es die Beschäftigten, die zum Beispiel bei osteuropäischen Firmen angestellt sind und zu Briefkastenfirmen in Deutschland entsandt werden. Für sie gilt das Arbeitsrecht im Herkunftsland. Die Fleisch- /Schlachtbranche ist dafür ein abschreckendes Beispiel.

Wir haben solche Verhältnisse auch in Homberg. Erinnert sei an die polnischen Arbeiter, die in der Bettenwelt arbeiteten. Weitere Berichte findet sich im Hingucker unter dem Suchbegriff Bettenwelt.

Seit zwei Jahren wird jetzt das Arbeiterwohnheim in Hülsa für geringfügig Beschäftigte betrieben. Diese neue Nutzung wurde nicht planungsrechtlich genehmigt, der Tagesordnungspunkt wurde in der Stadtverordneten-Versammlung gestrichen und noch nicht wieder aufgenommen. Die neue Nutzung wurde auch nicht untersagt – wie es in anderem Fall geschah.

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18 Kommentare zu “DGB-Jahresauftakt: Wenn der Lohn nicht mehr zum Leben reicht”

  1. Phil Antrop

    Die Gewerkschaften sind diejenigen, die durch ihre Lohnpolitik erst den Niedriglohnsektor geschaffen haben. Annahme: Alle 2 Jahre 3 % Lohn mehr ergibt das folgende Bild.

    Jahr……AN 1…… AN 2…….Differenz

    1949….1000…….2000…….1000

    2019….2900…….5800……..2900

    Folge für den "Kleinen": Weniger Einzahlung in die Rentenkasse = niedrigere Renten; weniger Möglichkeiten sich eigenes Vermögen und eigene Renten zu schaffen. Dabei sind die Lebenshaltungskosten für alle gleich gestiegen. 

    Hätten die Gewerkschaften bei gleichen Kosten für die AG den Lohn nicht prozentual, sondern durch Festbeträge für alle gleich umgesetzt, wäre das Bild ungefähr so:

    1000 zu 2000, jetzt ca. 4500 zu 3500

    Frage zum Schluss:

    Wo alles sitzen gewerkschaftsfunktionäre in Vorständen und Aufsichtsräten ( auch mehrfach ) und was verdienen diese ?

    Was verdient Herr Dietl und andere Gewerkschaftsfunktionäre ?

     

  2. Niccoló

    zu 1

    Wie soll das Gewerkschafts-Tretauto funktionieren, wenn zu viele auf den Trittbrettern stehen?

    Genau dieses ihres Argument, dass die Gewerkschaftsfunktionäre zu viel verdienen,ist ein Hauptargument der Trittbrettfahrer, um nicht selbst mittreten zu müssen/ihr fernbleiben von der Gewerkschaft rechtfertigen zu können.

    Idealismus wird heutzutage verlacht. Wer idealistisch ist, sei dumm. Unserem Nachwuchs wird dies eingehämmert. Ohne entsprechende Vergütung findet man heute kein gutes Personal mehr.

     

  3. Phil Antrop

    Gutes Personal ?

    Ich habe nicht nach dem Personal gefragt. Was meine sie mit gutem Personal? Die Mitarbeiter der verewaltung oder Funktionäre die wie der Vorstand des DFB agiert?

    Oder ist Herr Bsirske Personal ?

    Was meinen sie denn zu meiner Kritik an der Gewerkschaft ? 

  4. Rentner

    Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

    Das trifft auch auf die Gewerkschaften zu. Insider-Geschäfte, Lustreisen u.v.m-

    Dennoch sind die Gewerkschaften m. E. für die Arbeitnehmerschaft noch heute von Bedeutung.

    Arbeitgeber werden dies naturgemäß anders sehen…

    Daher zahle ich bis heute meine Gewerkschaftsbeiträge, schon aus Solidarität zu den heute im Berufsleben stehenden Menschen.

    Wer gute Vorstände in den Gewerkschaften haben will, wird diese nicht zum Billigtarif haben können.

    Die Errungenschaften der Gewerkschaften sind bis heute unbestreitbar.

    Gerne erinnere ich mich daran, als Heinz Kluncker von der ÖTV in den 70er Jahren die Mülltonnen stehen ließ und seine Verhandlungspartner zu einer gerechten Entlohnung für die Bediensteten in den Kommunen, Ländern und im Bund in die Knie zwang.

    In der Folge wurde dann die Verhandlungsergebnisse in etwa auf die Beamtenschaft übertragen.

  5. Niccoló

    zu 3

    Ihre Tabelle erschließt sich mir zwar nicht, aber ich weiß, worauf sie hinaus wollen.

    Da der einzelne "abhängige Arbeitnehmer" allein nichts gegen seinen von ihm die Arbeit entgegennehmenden "Arbeitgeber" durchsetzen kann, haben sich Gewerkschaften gebildet.

    Lohnerhöhungen lassen sich grundsätzlich auch nur mir einem hohen Organisationsgrad der Gewerkschaften durchsetzen. Das heißt, nur in Branchen mit hoher Gewerkschaftsmitgliedschaft besteht die Chance, höhere Abschlüsse zu erzielen.

    Mit "Personal" meine ich jeden, dessen Tätigkeit in der Gewerkschaft von ihr vergütet wird – von der Raumpflegerin bis zum Vorsitzenden. Auch der Vorsitzende bestimmt nicht seine Vergütung selbst.

    Inwieweit sich "Gewerkschaftsfunktionäre" von der Wirtschaft und den Regierungen korrumpieren lassen – Lohnerhöhungsverhandlungen abwiegeln und abwürgen – hängt auch davon ab, was sich die Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder gefallen lassen. Da brauchen sich Nichtmitglieder erst gar nicht beschweren.

    So gesehen ist das doch nichts anderes als die Verhältnisse in Homberg (Efze) und darüber hinaus.

    "Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt."

  6. Scherzbold

    Die Bahn mit ihren verschiedenen Gewerkschaften – da stimmt das Verhältnis Arbeitnehmer : Arbeitgeber bei den Tarifverhandlungen nicht so ganz, wie ich meine.

    Aber der Claus Weselsky von der GDL hat schon einiges für seine Mitglieder bewirkt….

    Sonderlich sympathisch ist er mir ja nicht, sein Handwerk versteht er aber.  🙂

    Wer Gewerkschaften verdammt, schwächt die Arbeitnehmerschaft!

  7. Frustrierter

    Gewerkschaften, ein interessantes Thema.

    Betriebsräte/Personalvertretungen sind in der Regel durch Gewerkschaftsmitglieder besetzt.

    Nur allzu gut erinnere ich mich, als ein Protokollführer in Homberg den ehemaligen Bürgermeister unter Tränen anflehte, " Herr Bürgermeister, sagen Sie die Wahrheit."

    Öffentlichen Beistand durch den Betriebsrat habe ich damals schmerzlich vermisst .

    Kuschen um das eigene Fortkommen nicht zu gefährden?

    "Arsch in de Hüs", so oder ähnlich lautet eine Song der Kölner Band um Wolfgang Niedecken.

  8. Stefan Dietl

    Lieber Delf Schnappauf,

    danke für die ausführliche Berichterstattung.

    In die hier stattfindende Disksussion möchte ich mich gar nicht einmischen, nur die oben gestellte Frage beantworten wieviel ich als Gewerkschaftsfunktionär verdiene. Als Gewerkschaftsfunktionär verdiene ich tatsächlich gar nichts, meine Funktion bzw. die Funktionen die ich wahrnehme sind nämlich ehrenamtliche. Ich gehe ansonsten einer ganz normalen Berufstätigkeit nach. Um genau zu sein arbeite ich in einem der prekären Beschäftigungsverhältnisse die ich in meinem Buch und Vortrag beschrieben habe.

  9. WerWennNicht

    ……die SPD versucht gerade mit ihren neuen Positionen einen Schulterschluss mit den Gewerkschaften?

    SPD und Gewerkschaften saßen bis zur Agenda 2010 zumeist in einem Boot.

    Phil Antrop

    Sind oder waren Sie jemals Mitglied einer Gewerkschaft?

    Oder sind Sie dem Arbeitnehmerflügel zuzuordnen?

  10. Phil Antrop

    Die Tabelle besagt, das der der viel hat bei den bisherigen Vorgehensweisen immer die belohnt wurde während der mit weniger Lohn auch weniger dazu bekam. Über die Jahre folgt daraus das große Teile der AN hinter der allgemeinen  Einkommensentwicklung zurückgeblieben sind.

    Dabei sind die Preise für alle gleich gestiegen.

    DAS ist das bedauerliche an der Gewerkschaftsarbeit.

     

  11. Phil Antrop

    Aus den von mir genannten Gründen die ich schon als Jugendlicher vertreten habe, sowie der Tatsache das in vielen Bereichen die Gewerkschaften eher die Vertreter der Besserverdiener waren und sind, Streiks nicht immer sinnvoll von beiden Seiten geführt wurden und werden war ich nicht bereit mich zumal als Beamter zu organisieren. Später wurden Bitten sich für bestimmte Berufsgruppen einzusetzen oder Hilfe bei der Gründung von Betriebsräten zu gewähren immer damit verbinden alle , es waren ca. 2000 AN müssten erst Mitglied werden beantwortet. So ist das meiner Kenntnis nach auch heute noch der Fall in einigen Großen Unternehmen. Und weitere Gründe…..

  12. Distanzbetrachter

    Zu 04) Rentner

    Ja, in den Siebzigern, als der Heinz stark genug war Bund, Ländern und Gemeinden Paroli zu bieten und als Willy Bundeskanzler wurde, Mann, – da war die Lohntüte auf einmal gut gefüllt…

     

  13. Rentner

    Distanzbetrachter

    Als junger Familienvater empfand ich die jährlichen Gehaltserhöhungen stets als "warmen Regen" in die Haushaltskasse.

    Ein paar Zinsen gab es auch noch aufs Gesparte – lange ist es her.  :-).

  14. Phil Antrop

    Ja. Zufrieden als AN der im Vergleich aber weniger dazu bekam wie andere. Das macht sich dann in der Rente bemerkbar. Die Rentner dürfen dann auch weiterhin prozentual eine Rentenerhöhung hinnehmen. Der 800 netto hat kriegt 24 dazu, der 2000 hat 60. und keiner mault

  15. Rentner

    Phil Antrop

    Fairerweise muss hinzugefügt werden, dass sich die Höhe der Rente nach den Einzahlungen in die Rentenkasse richtet.

  16. Phil Antrop

    Richtig. Und die Einzahlungen in die Rentenkasse stehen direkt in Verbindung mit dem Arbeitseinkommen.

    Wer also weniger verdient – und weniger dazu erhält – wird im allgemeinen Leben und für die Altersicherung bestraft. Denn bei gleichen gestiegenen Lebenshaltungskosten bleiben dem, der mehr dazu erhält, auch mehr Möglichkeiten neben normalen Einkommens zusätzliche Einzahlung zu leisten.

  17. Distanzbetrachter

    Zu 15) Rentner

    …nur eine kleine Replik am Rande…

     

    DAIMLER – DIETER bekommt eine Rente von  4.250,00 €  !

     

     

     

     

     

     

    … am Tag…!!!

  18. Rentner

    Ach wäre ich doch der Dieter, noch dazu der Zetsche, wäre ein Taunusbub und nicht ein Homberger Bub, dann wäre ich schon mit 4250,00 € im Monat der glücklichste Homberger.

    So aber bin ich trotzdem ein glücklicher Homberger Bürger, trotz ARGE und Granden der Homberger Politik.

    Des Glas ist halbvoll und alles kann nur besser wern, ich meen in Homberg.

    Schluss jetzt, ich muss zurück nach Meenz.

     

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