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Georg Textor, der „Burgenvater“, mit Ambivalenzen in der nationalsozialistischen Zeit

Foto: Gauehrenmal auf dem Heiligenberg

 

Die Staße auf den Burgberg trägt den Namen Georg Textor. Er war maßgeblich an der Freilegung von Burgen beteiligt, Gründete und leitete 25 Jahre den Burgbergverein sowie das  Heimatmuseum.

 

Von Thomas Schattner

Für viele Zeitgenossen sind der Homberger Schlossberg, die Heiligenburg zwischen Felsberg-Gensungen und Melsungen gelegen oder auch die Weidelsburg im Landkreis Kassel hervorragende Ausflugsziele. Gemeinsam ist diesen Burgen, dass sie ein Mann in den 1930er Jahren ausgegraben hat: Regierungsbaurat Dr. Georg Textor. Und fast immer dabei in enger Kooperation mit neuen Machthabern im nationalsozialistischen Deutschland.

Georg Textor wurde am 3. Juli 1894 in Marburg/Lahn oder in Limburg geboren. Später nahm er das Studium der Ingenieurswissenschaften auf. Nach dem Jahr 1929 trat er als Denkmalpfleger auf. Im gleichen Jahr veröffentlichte er seine Schrift „Heimatschutz und ländliche Baupflege“ über den Kreis Wolfhagen. Im Vorwort des Buches führt Dr. Textor aus: „Die Not der Zeit lehrt uns, seelische Werte zu sammeln, welche allein uns auf ein Wiederaufwärts unseres deutschen Volkes nach schweren Zeiten hoffen lassen. Wir besinnen uns auf uns selbst und erkennen in der Heimat die Kräfte, welche unsere Arbeit zu diesem Aufwärts mit neuen Geist zu beseelen vermögen“.

 

Foto: Bau des Gauehrenmals auf dem Heiligenberg

Des Weiteren schreibt er: „Wie die Stadt so hat sich auch die ländliche Ortschaft, das Dorf und die kleine Stadt, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts als geschlossenes, einheitliches Ganzes erhalten können. Ortsplan und Landschaft sind innig verwachsen, alle Planfaktoren: Straße, Platz, die Wehr- und Befestigungsanlagen: so angeordnet, wie es die Beschaffenheit des Geländes ganz von selbst vorschreibt. Folgerichtig entwickelt sich die Ortschaft aus den gegebenen Bodenverhältnissen heraus gleich einem Organismus, welcher lebt und wächst und deshalb alle Vor- und Nachteile der besonderen Lage in der Landschaft wahrzunehmen weiß“. Wenig später schreibt er: „Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bringt auf dem baulichen Gebiete einen selten erlebten Niedergang. Mit allem, was im Verlauf der Jahrhunderte in folgerichtiger Entwicklung von Stufe zu Stufe geworden war und sich als durchaus lebensfähig bewährt hatte, wird gebrochen“. Man verwechselt die Begriffe und nimmt in maßloser Überheblichkeit das Wort ´bäurisch´ als wegwerfende Kritik, setzt es gleichbedeutend mit plump, roh und rückständig“. Hier fragt man sich als Leser, ist Dr. Textor fortschrittsfeindlich, verherrlicht er das 19. Jahrhundert oder sind das schon vorsichtige Affinitäten zur späteren „Blut und Boden-Ideologie“ der Nationalsozialisten?

Von 1930 bis 1935 legte er wohl in diesem Sinn die Burgruine der Weidelsburg mit Hilfe eines freiwilligen Arbeitsdienstes (ab 1935 möglicherweise des nationalsozialistischen Reichsarbeitsdiensts) frei. Damals war er als Regierungsbaurat beim preußischen Hochbauamt in Kassel beschäftigt.

Und auch an den Ausgrabungen der Heiligenburg war Dr. Textor maßgeblich beteiligt. Erste Pläne, die Ruinenreste auszugraben, gab es im Jahr 1934. Vom folgenden Jahr an wurden sie realisiert. Der erste Spatenstich erfolgte dann am 2. Januar 1935 unter der Leitung Dr. Textors. Unter dem enormen Einsatz der Gemeinde Gensungen, des Heimatschutzvereins, der Schulen, von Vereinen, der Reichsarbeitsdienstabteilung 7/220 und von vielen Bürgern und NSDAP-Parteigenossen konnte die Umgestaltung des Heiligenberges vorangetrieben werden. Kaum eine Gensunger Familie soll unbeteiligt gewesen sein. Neben Ausgrabungsarbeiten wurden die noch vorhandenen Mauerreste der alten Burg freigelegt. Hinzu kamen Maurerarbeiten am Burgfried, welche unter großen Schwierigkeiten im Hinblick auf die Materialbeschaffung standen. Das Problem wurde aber elegant gelöst: Über einem Berg Steine, der am Fuße der Bergwiese abgekippt wurde, stand ein Schild, welches die Wanderer zur Mitnahme eines Steines veranlassen sollte: „Achte nicht der müden Beine, Wandrer, schlepp Stein um Steine, Hoch hinauf auf Bergeshöh´, Damit der Blick zur Ferne geh´. Bringt jeder Wandrer einen Stein, Wird bald das Türmchen fertig sein“. Inwieweit Dr. Textor bei der Gestaltung des kurhessischen Gauehrenmals auf dem Heiligenberg für die Toten des Ersten Weltkriegs eingeweiht war, lässt sich nur indirekt belegen. Aber erst mit der Einweihung des Ehrenmals am 21. Mai 1939, waren die Renovierungsarbeiten am Heiligenberg abgeschlossen. So gesehen kann es als ausgeschlossen gelten, dass Dr. Textor in die Pläne nicht eingeweiht war, hier eine Gedenk- und Feierstätte zu errichten. Stattdessen ist sehr wahrscheinlich, dass er sie mit gestaltet und vorangetrieben hat. Nach einem Bericht des Homberger Kreisblatts vom 20. Mai 1939 war Dr. Textor nicht nur der unermüdliche „Fachberater aller Ausgrabungen“, sondern „er leitete auch den Aufbau des Ehrenmals“. Dazu passt auch, dass sich Gauleiter Karl Weinrich nach einem Artikel des Homberger Kreisblatts vom 22. Mai 1939 bei seiner Ansprache zur Einweihung des Gauehrenmals persönlich bei Dr. Textor u.a. sich für „ihren opferfreudigen Einsatz bei der Gestaltung des Gauehrenmals“ bedankte. „Melsungen verfügte über keine Stätte, die den mystisch überhöhten Ansprüchen der NS-Bewegung genügt hätte, und man griff auf den alten Glauben von der germanischen Thingstätte auf dem Heiligenberg zurück. Die NSDAP verstand sich in Reinkarnation einer altgermanischen Kriegerrasse. Man versuchte bei jeder Gelegenheit, die Opfer des Weltkriegs und die Opfer der NS-Partei gleichzusetzen“, so Manfred Schaake in der Melsunger HNA am 3. April 2019. Mittendrin stand in ganz zentraler Funktion Georg Textor, der aus heutiger Sicht den Nationalsozialisten half, den Heiligenberg für ihre propagandistischen Zwecke zu missbrauchen.

Foto: Homberger Burgruine, aufgenommen in der Zeit der Freilegung zwischen 1936 bis 1940

 

Im Jahr 1935 wurde er nach Homberg versetzt. Hier wurde ihm als Baurat die Leitung des Staatsbaumamtes übertragen. Im Juli 1936 begann er mit zwei Weggefährten, dem Bauunternehmer Georg Braun und seinem Sohn Fritz, den verwilderten Schlossberg in Homberg von Schutt und Gestrüpp zu befreien, und das alte Haupttor freizulegen. Als Grundlage diente ihm eine Grundrisszeichnung der Burganlage von Wilhelm Dilich aus dem Jahr 1603, die sich in der Murhard´schen Landesbibliothek in Kassel befindet.

Das Ende des nationalsozialistischen Regimes überstand Dr. Textor unproblematisch. So konnte er da weiter machen, wo er aufgehört hatte. Unter Dr. Textors Leitung, unter der Leitung des „Burgenvaters“, wie er bald genannt werden sollte, legte die Burgberggemeinde in den folgenden 24 Jahren das Schloss auf dem Homberger Burgberg frei bzw. baute Teile wieder auf. Lediglich während des Zweiten Weltkriegs wurden die Arbeiten für einige Jahre unterbrochen. „Nun werde der Berg abgeräumt und systematisch gegraben. Die Umfassungsmauern wurden freigelegt und ihre zerstörten Teile erneuert. Das Brunnenhaus wurde freigelegt, wobei der Brunnen wieder zum Vorschein kam“, so Oskar Breiding 1985. Die Ausgrabungsfunde gaben den Anstoß zur Errichtung des Homberger Heimatmuseums im Jahr 1961, welches Dr. Textor eingerichtet und geleitet hat.

Foto: Homberger  Burgruine, Bau der Aussichtsterrasse und des Kernbaus der heutigen Gaststätte. ca. 1940

 

Im Jahr 1950 übernahm er dann das Staatsbauamt in Rotenburg/Fulda. Zwei Jahre später kehrte er zurück ins Kreisgebiet, um nun die Leitung des Staatsbauamtes für die Kreise Fritzlar-Homberg, Melsungen und Ziegenhain zu übernehmen. In diesen Jahren betrieb er auch den Wiederaufbau von Schloss Spangenberg. Bis zu seiner Pensionierung am 1. August 1959 war er somit immer im „historischen“ Einsatz für seine Wahlheimat. Im Jahr 1958 wurde der Turm auf dem Schlossberg in Homberg nach sechsjähriger Bauzeit fertiggestellt, die „Krönung seines Werkes“, wie viele Homberger fanden. Pläne aus dem Jahr 1956, das Marstallgebäude wieder aufzubauen, wurden allerdings nicht realisiert. Ebenso wenig, wie der Plan, ein doppelgeschossiges Gästehaus auf dem Burgberg zu errichten.

Foto: Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Georg Textor 14. Januar 1966

Immer wieder vermittelte er sein großes Wissen über Burgen in Vorträgen, die er mit ausgezeichnetem Bildmaterial visuell stützte. Sein Bildarchiv befindet sich heute im Bildarchiv „Foto Marburg“.

Im November 1962 verzog Dr. Textor nach Marburg/Lahn. „Über 25 Jahre stand Textor an der Spitze der Burgberggemeinde“, die er 1936 mitbegründet hatte. „Darüber hinaus war u.a. Vorstandsmitglied des hessischen Museumsverbandes, Gründer des Homberger Heimatmuseums und Ehrenmitglied des Homberger Geschichtsvereins“. Und seit November 1964 war er auch „Ehrenvorsitzender“ der Homberger Burgberggemeinde.

„Für sein Wirken um Schutz und Unterhaltung kultureller Werte wurde er am 14. Januar 1966 mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet“, so Oskar Breiding.

Dr. Georg Textor verstarb am 29. Mai 1976 in Marburg/Lahn im Alter von 82 Jahren.

Seit August 1985 erinnert der Name der Zufahrtsstraße zum Homberger Schlossberg an ihn in Form des „Georg-Textor-Weges“.

 

 

Quellenverzeichnis:

Oskar Breidung, Dr. Georg Textor, 1894 bis 1976, maschinenschriftliches Manuskript,
Oskar Breiding, Georg-Textor-Weg, in: Der Stadtschreiber, Nummer 4, August 1985,
Oskar Breiding, Homberger Straßennamen, Georg-Textor-Weg, in: Homberg aktuell, Nummer 44, 1. November 2007
Hessische Nachrichten vom 24. April 1956, vom 20. Juli 1956 und vom 11. Februar 1961,
HHStAW, 527, II 6843,
Homberger Kreisblatt vom 20. Mai 1939 und vom 22. Mai 1939,
Manfred Schaake, Vom Ehrenmal zum Ausflugsort, Melsunger Allgemeine vom 3. April 2019,
StadtA KS, S 1, 2312,
Georg Textor, Heimatschutz und ländliche Baupflege, Kassel 1929.